Mai
29
  • Autor:
    Helena Pivovar
  • Kategorie:
    On Tour

10 Milliarden – Ein Abend mit Valentin Thurn

Seit dem 16. April ist Valentin Thurns Dokumentarfilm „10 Milliarden: Wie werden wir alle satt?“ in den Kinos. Dienstagabend kam der Regisseur persönlich ins Kölner Off Broadway Kino, um nach der Filmvorführung über die Welternährung jetzt und in der Zukunft zu diskutieren – ein Thema, dem sich niemand entziehen kann, aber auch immer weniger Menschen entziehen wollen. So auch wir.

Globale Lebensmittelverteilung in Schieflage

Der Saal war voll, kaum ein freier Platz – das Interesse an der Frage, wie die Lebensmittelproduktion global aussehen soll, um im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen ernähren zu können, unverkennbar groß. Nach „Taste the Waste“ beschreibt Valentin Thurn in seinem neuen Film die weltweite Agrarwirtschaft in einer Schieflage: Tierfutterproduktion für Industrienationen in Ländern, die den Eigenbedarf an Nahrung für die Bevölkerung nicht decken können. Dazu kommt eine von Großkonzernen initiierte industrielle Landwirtschaft, die vorgibt, für eine rasant wachsende Weltbevölkerung zu produzieren. Die Verteilung und der Zugang zu Essen bleibt jedoch ein Privileg der wohlhabenden Länder.

Wachstum zeichnet sich aber nicht nur in der Bevölkerungszahl ab, sondern auch im Fleischkonsum bevölkerungsreicher Länder wie etwa Indien. Irgendwo muss das Futter für die Schlachttiere aber herkommen. Vier Planeten bräuchten wir, wenn jedes Land so viel Fleisch essen wollte wie wir, stellt Thurn fest.

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Martin Block (Allerweltskino, Köln) und Regisseur Valentin Thurn

Viel Neues skizziert Valentin Thurns Dokumentarfilm zunächst nicht. Landraub und die Abhängigkeit der Bauern in Entwicklungsländern gegenüber Konzernen und Weltmarktpreisen sind bekannt – ebenso wie das System der industriellen Landwirtschaft, das den Nährstoffkreislauf im Boden und Wasser aufbricht, Umwelt und Tier in einem Wettlauf der Ertragssteigerung ausnimmt.

Valentin Thurn ruft allerdings die Dringlichkeit einer Problematik ins Bewusstsein, unter der heute Millionen Menschen leiden. Hunger ist für sie bereits jetzt ein existenzielles Problem. Ein bloßes Mehr an Lebensmitteln wird daran zunächst nichts ändern. Im Gespräch machte der Regisseur darum deutlich: Die Lösung der großen Probleme liegt im Kleinen. Lokale Entscheidungen können das Problem der Welternährung entschärfen. Alternativen zu konventioneller Landwirtschaft und Massentierhaltung gibt es viele. Für Thurn sind sie mit einem Umdenken der wohlhabenden Länder verbunden.

10 Milliarden: Wie werden wir alle satt?

Hybride durch Gentechnik, oder sterile Pflanzenfabriken gehören zu den neuesten Forschungsfeldern für Ertragssteigerung. Fleisch aus dem Reagenzglas verheißt einen Ausweg aus der Massentierhaltung. Alle Wissenschaftler, die im Dokumentarfilm zu Wort kommen, sind von ihrem Forschungsbereich als Antwort auf die Lebensmittelfrage überzeugt. Thurn kritisiert die Tüftelei jedoch als Scheinlösung für die globale Marktlage. Unerschwinglich teuer werden diese Anstrengungen für die Armen der Welt bleiben.

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Valentin Thurn, Martin Block (Allerweltskino, Köln) und Peter Zens (Gertrudenhof, Hürth; Vorstand Taste of Heimat e.V.)

Reisbauern in Indien sind der Gefahr von Ernteausfällen nach Überschwemmungen mit traditionellen Reissorten weniger stark ausgesetzt als mit Hybriden. Afrikanische Bauern sichern sich ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit und eigene Versorgung, wenn sie ihr Land selbstbestimmt mit mehreren Gemüsesorten gleichzeitig anbauen können. Es gerät zusätzlich mehr Nahrung in der Region in Umlauf.

Das wäre keine Theorie mehr, wenn Viehbauern der Importländer Tierfutter, das nicht in Konkurrenz zur Menschennahrung steht, selbst anbauen würden. Damit alle satt werden, müssen vor allem die wohlhabenden Länder ihre Gewohnheiten ändern: das Verhältnis von Qualität und Quantität im Fleischkonsum überdenken, Wege aus dem Griff globaler Marktzwänge finden und mehr urbane Anbaufläche erschließen. „10 Milliarden“ zeigt Pioniere, die diese Wege bereits erfolgreich beschreiten.

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Taste of Heimat, Solidarische Landwirtschaft und andere Rebellen

„Man verändert direkt alles“, sagt Hilke Deinert von SoLaWi (Solidarische Landwirtschaft) Bonn in Thurns Dokumentarfilm. Sie ist Mitglied einer Gemeinschaft aus Privathaushalten und einem oder mehreren Landwirten. Zusammen sorgen sie für regionales Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau und die Stärkung der lokalen Landwirtschaft. SoLaWi ist mittlerweile Beispiel für andere Initiativen. Während des Diskussionsabends mit Valentin Thurn sind Vertreter der Solidarischen Landwirtschaft nicht die einzigen anwesenden Querdenker. Mitglieder der Slow Food Youth Köln und Taste of Heimat waren es auch. Mit Taste of Heimat schafft Valentin Thurn als Initiator einen Anlaufpunkt, sich über Regionalität, Saisonalität, Qualität und Neues aus der Food-Bewegung zu informieren. Langfristig soll Taste of Heimat durch Aufklärung und ein weit gefasstes Netzwerk Einfluss auf die lokale Ernährungspolitik nehmen.

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Helena Pivovar (Chefkoch.de), Valentin Thurn und Nicole Wienigk (Chefkoch.de)

 Ein Abend mit Folgen

Wir sind uns unserer Macht als Konsumenten gar nicht bewusst, so scheint es mir. Wandel beginnt immer im Kleinen, im Lokalen. Da muss ich Valentin Thurn Recht geben. Wie eigensinnig die Ideen mancher Protagonisten seines Dokumentarfilms auch waren, jeden Winkel der Großstadt in einen Gemüsegarten zu verwandeln – im Kern ist doch das Ziel Unabhängigkeit, Schutz der eigenen Umwelt, aber auch derer, die sich nicht wehren können.

Bereits vor dem Abend mit Valentin Thurn haben wir Chefköche uns entschlossen, auf der Dachterrasse des neuen Bürogebäudes etwas anzupflanzen. Erdbeeren, Salat, Zwiebeln, Knoblauch, Johannisbeeren, Zucchini und Gurken sind neben Kräutern fest eingeplant. Jetzt ist es erst recht der richtige Weg, ein Zeichen nicht nur nach Außen hin. Jeden Mittag profitieren wir als Gemeinschaft von frischen Lebensmitteln, die den kürzesten vorstellbaren Transportweg haben.

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Helena Pivovar

Produktredakteurin bei Chefkoch.de
Nach meinem Geschichtsstudium verschlug es mich als Freiberufler in die digitale Welt. Angekommen bin ich bei Chefkoch.de als Produktredakteurin: Chichi für die Küche ist mein Bereich.

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